Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften

Das wissenschaftliche Feld der Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften sollte angesichts der wachsenden Pluralität religiöser Bekenntnisse in Deutschland und der steigenden Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise zu Fragen der Religion weiterentwickelt werden. Der Wissenschaftsrat empfiehlt bedarfsgerechte Anpassungen der christlichen Theologien, einen Ausbau& der Islamischen Studien sowie eine Stärkung der Judaistik/Jüdischen Studien und der Religionswissenschaft.

Das Verfassungsrecht lässt hinreichende Spielräume für eine auch den Anforderungen der Wissenschaft angemessene Ausgestaltung des Verhältnisses des Staates zu Kirchen und religiösen Gemeinschaften im akademischen Feld, wenn auf allen Seiten die Bereitschaft besteht, die institutionellen Instrumente für seine Anwendung entsprechend weiterzuentwickeln.

Die Fächer der theologischen Fakultäten sollten stärker als bisher auch in der Forschung ihren theologischen Zusammenhalt pflegen und sich zugleich noch mehr an fakultätsübergreifenden interdisziplinären Forschungen beteiligen. Theologische Institute, an denen Religionslehrer und -lehrerinnen für Gymnasien bzw. die Sekundarstufen I plus II ausgebildet werden, müssen angesichts der wachsenden fachlichen Anforderungen an diese Ausbildung künftig höhere personelle und fachliche Mindestvoraussetzungen erfüllen. Da es sich bei der Habilitation um eine rein akademische Angelegenheit handelt, richtet der Wissenschaftsrat die dringende Bitte insbesondere an die Katholische Kirche, sich aus dem Habilitationsverfahren zurückzuziehen. Bei Berufungen sollten die Kirchen für ein rasches und für alle Beteiligten verlässliches und transparentes Verfahren der kirchlichen Beteiligung Sorge tragen.

Für den Bereich der Judaistik/Jüdischen Studien empfiehlt der Wissenschaftsrat, die noch bestehenden institutionellen Abhängigkeiten der Judaistik von den Evangelischen Fakultäten aufzulösen und Institute mit dem Ziel zu schaffen, die weitere Entwicklung der Judaistik/Jüdischen Studien an diesen Standorten zu unterstützen und eigenständige Studiengänge einrichten zu können.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt, an zwei bis drei staatlichen Universitäten, an denen bereits andere religionsbezogene Wissenschaften etabliert sind, institutionell starke Einheiten für Islamische Studien aufzubauen. Diese sollten Zentren islamisch- theologischer Forschung werden und eine zentrale Rolle bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Islamischen Studien spielen. Zugleich übernehmen sie die Aufgabe, islamische Religionslehrer und -lehrerinnen auszubilden, und ermöglichen darüber hinaus eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung von Religionsgelehrten im staatlichen Hochschulsystem. Um die dazu erforderliche Zusammenarbeit zwischen staatlichen Hochschulen und muslimischen Glaubensgemeinschaften auf eine verlässliche Grundlage zu stellen, schlägt der Wissenschaftsrat vor, an den entsprechende Studiengänge anbietenden Hochschulen theologisch kompetente Beiräte für Islamische Studien einzurichten, die bei der Berufung von Professoren und Professorinnen sowie bei der inhaltlichen Ausgestaltung des Lehrangebots mitwirken. Nach fünf Jahren sollte eine Evaluierung der neu gegründeten Einheiten für Islamische Studien unter Einschluss des vorgeschlagenen Beiratsmodells erfolgen.

Im Hinblick auf die Religionswissenschaft empfiehlt der Wissenschaftsrat, die disziplinäre Fortentwicklung des Faches organisatorisch gezielt zu unterstützen. Dafür ist die jetzige, vorwiegend auf Einzelprofessuren an verschiedenen Standorten gründende Organisationsform nicht geeignet. Stattdessen sollten Institute gebildet und eigenständige Studiengänge aufgebaut werden. Dies kann nur durch Schwerpunktbildung gelingen. Auch die Religionswissenschaft sollte aus ihren institutionellen Abhängigkeiten von den christlichen Theologien gelöst werden.

Um dem zunehmenden religiösen Pluralismus gerecht zu werden, sollten die Anstrengungen zu fächer- und fakultätsübergreifenden Kooperationen verstärkt werden. An Standorten, die über mindestens drei der hier behandelten religionsbezogenen Disziplinen in hinreichender Stärke verfügen, sollte angestrebt werden, fächerübergreifende Forschungs- und Lehrkooperationen zu fördern und dazu gemeinsame Zentren theologischer und religionsbezogener Forschung einzurichten.

Zur Umsetzung der Empfehlungen bedarf es abgestimmter Initiativen von Seiten der Länder und der Hochschulen unter Mitwirkung der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Dies stellt eine besondere Herausforderung dar, insofern die Umsetzung unter den Bedingungen eines „doppelten“, nämlich zugleich staatlichen wie kirchenorganisatorischen Föderalismus zu erfolgen hat. Eine Unterstützung des Bundes, insbesondere in der Anfangsphase des Aufbaus Islamischer Studien, ist wünschenswert.


Der Beitrag ist die Kurzzusammenfassung des Wissenschaftsrates in ihren "Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen (PDF, 169 Seiten, 815 kB)"

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